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Im Rodungsstopp

03.12.2017

Es ist 23 Uhr. In einen warmen Schlafsack gehüllt, liege ich auf einer Matratze, die teilweise so aussieht, als wenn sie schon zwei Winter überdauert hätte. Die einzige Lichtquelle sind zwei Kerzen, die auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stehen. Im Flackern des Kerzenlichts, lese ich die Titel der Bücher, die in dem Regal an der Wand stehen. Es sind Romane, zum Beispiel "Robinson Crusoe". Man hört nichts außer dem Knistern des Feuers im Ofen, dem Atmen der anderen Menschen und ab und zu bringt ein Windstoß die Blätter der Bäume zum Rascheln.

Hier liege ich nun und denke nach. Das ist der Ort, an dem ich mich geborgen fühle. Das hier ist der Ort, an dem ich Menschen treffe, von denen ich weiß, dass sie alles dafür tun werden eine bessere Welt zu erschaffen. Hier bin ich bei Menschen, denen es egal ist, dass sie von vielen der Gesellschaft und in den Medien oft als "Chaoten" oder sogar "Terroristen" dargestellt werden. Hier wurde ein System gelebt, in dem es weder Geld, noch Herrschaft gibt. Hier steht jeder Mensch auf der selben Stufe und niemand hat ein Streben nach Macht oder Geld. Das hier ist eine Gemeinschaft die zusammen hält und jeder ist willkommen.

Ich bin im Hambacher Forst. Nach einem anstregenden Tag liege ich in einem Baumhaus und versuche so langsam zu schlafen. Draußen ist es vermutlich fünf oder sechs Grad. Ich denke an den Tag, der hinter mir liegt und an die Situation im Hambacher Forst.

Nachdem die Klage des BUNDs in erster Instanz abgewiesen wurde, haben die Rodungen Anfang der Woche im Forst begonnen. Es gab zahlreiche Proteste. Der BUND ist in die nächste Instanz gegangen und hat so einen weiteren Rodungsstopp erwirkt.

Heute am Tag danach wurde weiter gebaut, um noch besser gegen Rodungen und Räumungen gewappnet zu sein. Ich habe weiter an Barrikaden gebaut, die es Polizeiautos und Autos des Securitydienstes schwerer machen sollen, nah an die Besetzungen heranzukommen. Für alles, was dort gebaut wird, wird totes Holz benutzt. Da wir im Wald kein schweres Werkzeug haben, ist alles, was gebaut wird mühsame Handarbeit, die aber Spaß macht, da alle überzeugt sind, das Richtige zu tun.

 

Abends am Feuer


Als wir abends am Feuer sitzen und zu Abend essen, erzählen viele andere, was sie an dem Tag erlebt haben. Einer erzählt, dass ihm heute von einem RWE-Mitarbeiter vorgeworfen wurde, dass wir alle ja vom BUND bezahlt werden. Alle lachen. Die Atmosphäre ist sehr entspannt. Jemand anderes, der auf einer Demo in Düsseldorf vor dem Landtag war, erzählt und zeigt Blätter, die von Mitarbeitern einer Bergbaugewerkschaft verteilt wurden. Auf ihnen steht dick "Gegen von BUND geförderte Gewalt". Zu sehen sind Bilder, die zeigen sollen, wie gewalttätig wir alle sind. Zu sehen ist unter anderem ein Auto des RWE-Sicherheitsdienstes, dass sich überschlagen hat. Die Geschichte von RWE ist, dass Aktivisten das Auto angegriffen und umgedreht hätten, so stand es auch in den lokalen Zeitungen. Die Geschichte der Aktivisten dazu lautet, dass das Auto einfach zu schnell und unvorsichtig gefahren sei und sich dann überschlagen hat.

Ein anderes Bild zeigt, wie in der Zeitung stand, dass Aktivisten Rettungskräfte bei der Rettung einer verunglückten Frau behindert hätten. Aktivisten, die dabei waren erzählten, dass sie die Ersten waren, die am Unfallort gewesen seien und dass sie dann Erste Hilfe geleistet hätten. Niemand habe Rettungskräfte behindert, als diese dann eintrafen.

Da ich weiß (und das sind belegbare und öffentliche Fakten), dass RWE, Politik, Polizei und die lokale Presse sowohl finanziell, als auch teilweise personell vernetzt sind, weiß ich, welchen Geschichten ich glaube. Teilweise habe ich es selber schon erlebt, wie Unwahrheiten über Aktivisten und Aktivistinnen in lokalen Medien verbreitet wurden.

Ein weiteres der Bilder zeigt ein Werbeplakat aus dem Dritten Reich, wo für Braunkohleabbau geworben wird. Leider habe ich keine Ausfertigung des Blattes im Internet gefunden, deshalb kann ich es nicht zeigen.

Bei dem Gedanken an die Erzählungen am Abend fange ich an zu lächeln, wie absurd ist doch dieses ganze Wirtschaftsdenken und wieso argumentieren Politiker damit, Arbeitsplätze bei RWE schützen zu wollen, und ignorieren dabei, dass durch Folgen des Braunkohleabbaus Menschen, Tiere und Pflanzen sterben!

 

Zwei Rehe

 

Eine letzte Geschichte, die abends erzählt wurde, macht mich noch einmal traurig und wütend zugleich. Eine Aktivistin erzählt, dass sie morgens, als sie wach geworden ist, aus dem Fenster geschaut hat und zwei Rehe gesehen hat, die durch den Wald gehüpft sind. Plötzlich standen sie auf einem freien Feld. Es war der Ort an dem am Tag vorher gerodet worden war. Die Rehe bleiben stehen und versuchen zu verstehen, was da passiert ist. Gestern war hier noch ihr Wald in dem sie gelebt haben. Heute ist er weg. Langsam gehen sie zurück in den Wald und verschwinden im Unterholz.

Die Geschichte dämpft meine Stimmung. Nichtsdestotrotz wird mir klar, wie wichtig es mir ist, in dem Wald zu sein und Widerstand zu leisten. Hier lebe ich meinen Traum einer besseren Welt.

Irgendwann schlafe ich dann beim Knistern des Feuers ein.

von AndreasF

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