Düsseldorfer Jugendportal

Sprich über deine Stadt!

640 640 1000 1000 1000

Bilder deiner großen Liebe – Wolfgang Herrndorfs letzter Roman im Düsseldorfer Schauspielhaus

05.12.2018

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert. Weil das viele Leute denken, dass die superkomplett bescheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rumlaufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer. Es macht einem nur wahnsinnig Angst, wenn man merkt, dass man gerade auf den Gehweg kackt und weiß, dass das nicht üblich ist und dass so was nur Leute machen, die verrückt sind, und diese Angst macht, dass es einem auch wieder ganz gleichgültig ist, was die anderen denken, ob die jetzt gucken oder nicht, weil man in dem Moment wirklich andere Probleme hat. Und mein Problem war eben, dass ich langsam wieder verrückt wurde.

Viel Applaus für starkes Ensemble

Isa heißt das junge Mädchen, um das sich der Theaterabend dreht. Und wer Tschick von Wolfgang Herrndorf gelesen hat, kennt sie bereits: Sie ist das Mädchen von der Müllkippe, das Maik und Tschick auf ihrer Reise treffen. Bilder deiner großen Liebe heißt der letzte unvollendete Roman, den Wolfgang Herrndorf vor seinem Selbstmord 2013 geschrieben hat. Die Protagonistin Isa und ihn scheint viel zu verbinden. Jan Gehler hat den Roman inszeniert und diesen 2015 im Staatsschauspiel Dresden zur Uraufführung gebracht. Seitdem ist die Inszenierung mit ihrer Hauptdarstellerin Lea Ruckpaul von Dresden über Stuttgart nach Düsseldorf gewandert und wurde hier am 16. September zur Premiere gebracht. Jan Gehler inszenierte am Düsseldorfer Schauspielhaus zuletzt Ellbogen von Fatma Aydemir. Und seine Handschrift ist wiederzuerkennen: Eine Inszenierung mit einem minimalistischen Bühnenbild und einem starken Ensemble, das den Text alleinstehend und wirkungsvoll für sich sprechen lassen kann. Was bei Ellbogen hervorragend funktioniert hat, klappt auch hier. Langer Applaus, vor allem dem jungen Publikum scheint es gefallen zu haben. 

Die 14-jährige Isa lebt in einer psychiatrischen Klinik. Eines Tages steht sie im Hof der Anstalt und das eiserne Tor ist offen. Diese Chance zur Flucht nutzt sie und rennt einfach los, ohne Ziel zu Fuß durch Deutschland, nur mit ihrem Tagebuch im Gepäck. Es ist eine finstere, düstere Welt, in die sie entflieht. Abseits einer Gesellschaft, die sie für verrückt erklärt hat. Auf ihrer Reise trifft sie immer wieder auf verschiedene Menschen – unter anderem auf einen Schiffer, einen Schriftsteller und einen tauben Jungen. Es sind traurige wie freundliche, rätselhafte wie einsame Menschen. Sie schläft im Freien, fährt per Anhalter mit, klaut in Supermärkten. Und schließlich trifft sie auf einer Müllhalde zwei gleichaltrige Jungs, Tschick und Maik. Und letzterer, der schüchterne Blonde von beiden, scheint Gefallen an ihr gefunden zu haben. 

Berührender Abend regt Fantasie an

Es ist ein klassischer Erzähltheaterabend, den der Regisseur Jan Gehler mit seinem Team entstehen lassen hat. Zum einen wird der Abend von der großen Stärke des Textes getragen. Auf der Bühne wird auf großes Tamtam verzichtet, ein einfach gehaltenes Bühnenbild, mit versteckten Funkionen und wenigen Requisiten. Zum anderen ist es ein großer schauspielerischer Abend: Lea Ruckpaul verkörpert nicht nur Isa, sie wird zu Isa: zerstreut, schlagfertig, sprunghaft und neugierig. Sie schafft es als Erwachsene authentisch eine Vierzehnjährige darzustellen, das gelingt beileibe nicht jedem ihrer Kolleg_innen. 

Neben ihr glänzt aber auch Wolfgang Michalek, der die verschiedenen Männerfiguren spielt und mit ihr hervorragend harmoniert. Ein sympathischer Begleiter dieses Abends, lange schweigend und nur als lebendes Requisit, dann aber ein starker Partner, der gemeinsam mit Lea Ruckpaul immer wieder starke und teils sehr berührende Bilder entstehen lässt.

Es bleibt für den Zuschauer ein sehr assoziativer Abend, der die Fantasie anregt und nicht durch Eindeutigkeit besticht. Begeisterter und umjubelter Applaus, vor allem für Lea Ruckpaul. Ein wahrlich wunderschöner Abend, mit einem berührenden Ende.

von Marvin

Passende Artikel

youNews

Theater

No President – Eine trump'sche Selbsttherapie im Düsseldorfer Schauspielhaus

youNews

Kultur

Like me – Ist das peinlich oder geil?

youNews

Gib auch du dein Herzblut!

Kommentar verfassen

Bitte fülle alle Felder aus die mit * markiert sind.