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Die Hermannsschlacht – Wer gegen wen?

06.09.2020

Das germanische Volks ist tief zerstritten. Der Fürst der Cherusker, Hermann, hat alle Hände voll damit zu tun, sein Heer beieinander zuhalten und den aufkommenden Gegenwind gegen seine eigene Person zu bremsen. Doch die Situation spitzt sich zu, als sein Reich von zwei Seiten bedrängt wird: Die Sueven auf der einen, die Römer auf der anderen Seite. Unter Druck stehend erweist er sich als intelligenter Konfliktstratege und spielt die Kriegsparteien wirkungsvoll gegeneinander aus. Er entfacht den Hass in der eigenen Bevölkerung gegen die feindlichen Besatzer und versammelt die Germanen hinter sich. Nachdem er die Römer im Teutoburger Wald in einen verhängnisvollen Hinterhalt lockt und blutig niederschlägt, wird er vom germanischen Volk gefeiert. Die Krone winkt. Unmoralische Züge und inhumane Taten werden zu Kollateralschäden für den Gewinn von Macht und Freiheit.

Das Drama "Die Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1807 ist ein selten gespieltes Theaterstück. Popularität erlangte es zur Zeit des Nationalsozialismus, in der es politisch instrumentalisiert und daher nach 1945 fast gar nicht mehr auf deutschen Bühnen gezeigt wurde. Erst seit kurzem, nach den jüngsten Inszenierungen am Burgtheater Wien und dem Schauspiel Leipzig, erlangt der Text wieder regelmäßiger das Licht der Bühnenscheinwerfer. Nun hat sich der bosnisch-kroatische Regisseur Oliver Frljić dem Drama angenommen und damit die Spielzeit 2020/21 im Depot 2 am Schauspiel Köln eröffnet. Premiere dieses intensiven Arena-Kammerspiels war am 5. September.

Glasklar lassen sich in Kleists Original noch die Charaktere und Kriegsparteien voneinander unterscheiden. Doch an diesem Theaterabend ist das dann schon nicht mehr ganz so leicht. In dunkler, spannungsgeladener Atmosphäre setzt Regisseur Frljić die Figuren in eine Arena mitten ins Zentrum der Bühne. Die Zuschauer*innen - natürlich Corona-bedingt - auf Abstand zu einander, mit leeren Stühlen voneinander getrennt, auf jeweils einer der vier Seiten. Wer hier mit welcher Absicht gegen wen kämpft, bleibt ein Rätsel, das Puzzle-artig immer wieder neu angeordnet und umgeordnet wird. Denn feste Rollen gibt es in diesem Politspiel nicht - die Schauspieler*innen wechseln laufend sowohl ihre Rollen als auch ihre Positionen auf der Bühne. Die Verhältnisse verändern sich und müssen immer wieder aufs neue bestimmt werden. Ein Spiel, dem im Laufe des Abends immer schwerer zu folgen ist - vor allem bei fehlender haargenauer Textkenntnis. 

Frljić verwebt das Drama auf der Bühne mit der Klaviermusik von Beethoven und bietet neben der rhythmisierten Musik vom Band damit einen ganz besonderen "Soundtrack zur Schlacht". Außerdem ragen sechs reproduzierte Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von deutschen Künstlern wie Caspar David Friedrich im Rücken des Publikums an den vier Seitenwänden empor. Wie der Dramentext wurde auch die Musik und die Malerei zur Zeit des Nationalsozialismus für patriotische Zwecke instrumentalisiert und ausgeschlachtet. Intelligent bringt Frljić die verschiedenen Kunstformen aus der Zeit zusammen und rückt so die fragwürdige Inszenierung der deutschen Geschichte in die Mitte des Geschehens.

Auch mit seinem Ensemble schafft er eindrückliche und starke Bilder, die einen die Beschränkungen der Hygiene- und Abstandsvorschriften vergessen lassen. Denn die stetige Distanz zwischen den Spieler*innen wird Ausdruck von Misstrauen und Zweifel eines jeden gegen jeden in einem brisanten Kriegsspiel. Besonders rhythmisch und verspielt wird der Annäherungsversuch des römischen Legaten Ventidius an Hermanns Gattin Thusnelda erzählt: Das Klavier, an dem die Schauspielerin Nicola Gründel sitzt, wird zum von Schauspieler Benjamin Höppner begehrten Leib, der schließlich den Vorderdeckel des Flügels öffnet, aus dem warmes Licht erstrahlt, und an den Klaviersaiten lustvoll zupft. 

"Die Hermannsschlacht" am Schauspiel Köln ist ein fordernder, intensiver Theaterabend, der eingerahmt in ein konzentriertes und düsteres Lichtspiel mit großartiger Musik und stark aufspielenden Darsteller*innen einen eigenen Rhythmus entwickelt und Bilder findet, die bleiben. Das Tempo, die fliegenden Rollenwechsel und die Kürzung des Textes machen es aber schwer, dem Abend in seiner inhaltlichen Entwicklung zu folgen. Dennoch ein spannender Spielzeitauftakt, der trotz oder gerade wegen der Corona-Pandemie Lust auf mehr macht.

von Marvin

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