Niemand weiß, was einen an diesem Abend genau erwarten wird. Aber alle sind sich sicher, dass es etwas besonderes, einmaliges zu erleben gilt.
Night Tripper steht an diesem Freitag-Abend, den 11. Mai, auf dem Programm vom tanzhaus nrw. Die Performance wird im Rahmen der Reihe “CEREMONY NOW!” zum 40. Geburtstag vom tanzhaus nrw gezeigt. Diese Inszenierung allerdings fällt wahrlich aus dem sonst so klassischen Programm des Hauses aus der Reihe. Denn eine klassische Bühnen- und Frontal-Situation ist hier nicht zu erwarten. Ganz im Gegenteil: Das Publikum begibt sich mit der Performergruppe auf eine kleine Reise in das Düsseldorfer Waldgebiet rund um den Unterbacher See – und das bei Dämmerung.
Treffpunkt ist an diesem Abend zur Prime-Time um 20.15 Uhr am tanzhaus nrw. Eine Gruppe von rund 25 Besucher*innen fährt von dort aus mit einem gemieteten Shuttle-Bus Richtung Wald. Das genaue Ziel ist zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Die vielen Waldgebiete in und um Düsseldorf halten viele Möglichkeiten offen, das Haus legt einen Schleier um das anzufahrende Ziel. Gegen 21 Uhr erreichen wir das Gebiet rund um den Unterbacher See. Ausgestattet mit einem Mini-Scheinwerfer im Schlüsselanhänger-Format begeben wir uns mit den Begleiterinnen auf eine kleine Wanderung zum Zielort, wo die Performance-Gruppe auf unsere Ankunft wartet. Es ist deutlich frischer als noch vor der Abfahrt. Als Gruppe laufen wir die Waldwege entlang – es hat etwas von einem Schulausflug. Jogger und Radfahrer kreuzen unsere Wege. Aber dann gibt es da doch etwas, was uns auf das gleich kommende einläutet: bildende Künste an Weggabelungen und im Gestrüpp. Kapuzenjacken und Pullover, die über Bäume gezogen sind und deren Extremitäten mit Ästen ausgefüllt sind. Es hat etwas horrorartiges, könnte gar aus einem Kino-Horrorstreifen stammen. Dieser Eindruck kehrt an diesem Abend immer mal wieder zurück.
Nach einigen Minuten Fußweg erreichen wir dann die Performance-Stelle. Eine Lichtung mit direktem Blick auf den Unterbacher See bis hin zum Fernsehturm in der Peripherie. Ein Kreis aus Sitz-Kästen mit Decken ist gestellt. Die beiden Tänzerinnen in der Mitte und die kleine Band direkt vor dem Unterbacher See. Nachdem alle Platz gefunden haben, wird dem Publikum Wodka-Shots verteilt. Erklärt wird das nicht weiter, es hat etwas von russischem Weihwasser. Es wird still und die beiden Tänzerinnern, deren Arme weiß bemalt sind und die ein weißes Oberteil tragen, beginnen zu tanzen. Es sind Bewegungen, die sehr langsam sind, nach ihnen gekehrt sind und die sich durch ihre Drehungen immer wiederholen. Nach und nach setzen die einzelnen musikalischen Klänge ein. Es sind keine klassischen Musikinstrumente, sondern wirkliche mystischen Klänge-Erzeuger. Es hat etwas von einem magischen Ritual. Es scheint als würde die Gruppe die Natur-Kräfte und Geister beschwören wollen. Die Musik wird lauter, die Bewegungen schneller und vielfältiger. Und mitten auf dem Höhepunkt setzt ein Chor ein. Es scheint als würden die Musiker singen. Doch erst als die Musik verstummt und der Chor weiter singt, kann das Gehör den Chor verorten. Es sind nicht die Musiker, die da singen, sondern ein Chor mitten aus dem Waldgebiet. Unsichtbar, aber kraftgewaltig. Es scheint, als würde die Natur selber auf dieses Ritual antworten. Ein besonderer Moment. Auch die Tänzerinnen kommen kurz zum Stillstand. Alles lauscht den Klängen der Natur.
Es ist dunkel geworden. Die Gesichter kaum erkennbar geworden. Ein Prozess, der ja eigentlich spürbar andauert, ist wie hereingebrochen. Es hat sich eine ungeheure Spannung an diesem Ort entwickelt. Es ist ruhig geworden. Dann setzen Musik und Tänzerinnen wieder ein. Und es hat sich etwas verändert: Die Bewegungen der Tänzerinnen sind mehr nach außen gekehrt, die Musik ist stärker. Ein Zusammenspiel der verschiedenen Elemente, großartig zu beobachten. Auch wenn faktisch gar nicht viel passiert, von den Variationen der Bewegungen und der Musik her, geschieht hier doch so viel. Langweile kommt gar nie auf. Und als am Ende schließlich eine Chor-Gruppe in dunklen Gewändern auftritt, scheint das Ritual sein Ende gefunden zu haben. Gemeinsam haben wir etwas gerufen, was wir nun wieder freilassen. Die Musik wird leiser, die Bewegungen kleiner, der Gesang schmaler. Und schließlich, bei Dunkelheit, bleibt alles stehen. Ein sanftes, aber doch so kraftvolles Ende einer grandiosen Performance.
Ein Baum, umgewandelt als mehrstöckige leuchtende Mini-Bar verzaubert uns dann noch mit Getränken und Leckereien. Ein schöner gemeinsamer Abschluss, um auch nochmal ins Gespräch zu kommen und das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten.
Eine wirklich sehr besondere Performance in den Wäldern Düsseldorfs. An diesem Abend ist etwas passiert, es hat sich etwas rufen lassen und wieder gelöst. Eine eindrucksvolle und einmalige Erfahrung.