Am 25. Januar war das Berliner Ensemble mit “De Profundis” im Schauspielhaus Bochum zu Gast. Die Vorlage ist ein berühmter Brief von Oscar Wilde, geschrieben nach seiner Verurteilung und während der Zeit, in der sein Leben gesellschaftlich und persönlich zerbrach: Gefängnis, gesellschaftliche Ächtung, Verlust von Status, Nähe, Leben. Wilde schreibt darin an seinen ehemaligen Geliebten Lord Alfred Douglas, genannt Bosie, und verhandelt Schmerz, Demütigung, Eitelkeit, Abhängigkeit und Einsamkeit. Das alles ist eigentlich starker Stoff. Stoff für einen radikalen, intimen, queeren Theaterabend. Nur leider wird daraus in dieser Inszenierung vor allem eins: ein sehr langes, sehr gleichförmiges Leiden.
Ein Abend im Dauerklagemodus
Regisseur Oliver Reese setzt fast vollständig auf den Text und auf Jens Harzer als Solisten. Das ist erstmal eine klare Entscheidung: ein Mann, ein Raum, ein gebrochener Brief. Harzer steht dabei über weite Strecken in einer engen, dunklen, fast schachtartigen Bühne, die an Gefängnis, Ausstellungsraum oder innere Zelle denken lässt. Die Reduktion könnte funktionieren, wenn daraus Spannung entstünde. Wenn sich etwas verschieben würde. Wenn der Abend nicht über weite Strecken auf derselben emotionalen Temperatur hängen bleiben würde.
Genau das ist das Problem: Diese Inszenierung variiert zu wenig. Es gibt Schmerz, Klage, Bitterkeit, Erinnerung. Aber kaum Entwicklung. Kaum Kontrast. Kaum szenische Überraschung. Stattdessen wird der Text in einem anhaltenden Modus von Leid und Bedeutung vorgetragen, der irgendwann nicht mehr intensiv wirkt, sondern ermüdend. Man versteht schnell, worauf der Abend hinauswill – und danach kommt erstaunlich wenig Neues.
Wenig Szene, viel Vortrag
Natürlich ist Jens Harzer ein präziser Schauspieler, und man merkt, dass hier jemand mit Sprache umgehen kann. Manche Momente haben Wucht, einzelne Sätze treffen. Aber auch ein starker Darsteller kann nicht allein tragen, was inszenatorisch zu wenig in Bewegung gerät. Der Abend vertraut so stark auf die Kraft des Wortes, dass er fast vergisst, dass Theater mehr sein kann als ein literarischer Vortrag mit Licht und Raum.
Wo ist hier eigentlich das Queere?
Und dann ist da noch ein viel grundlegenderer Punkt: Wie kann ein Stück über Oscar Wilde und die Liebe zu einem Mann so wenig queer wirken? Genau darin liegt die größte Enttäuschung dieses Abends. “De Profundis” ist nicht irgendein Text über allgemeines Leid. Es geht um einen Autor, der auch deshalb vernichtet wurde, weil er Männer liebte und sich den Konventionen seiner Zeit nicht unterwerfen wollte. Es geht um Begehren, Scham, gesellschaftliche Verfolgung, um die Brutalität einer Ordnung, die queeres Leben bestraft. Aber auf der Bühne kommt davon fast nichts an. Die Inszenierung zeigt vor allem den universellen, großen, männlichen Schmerzensmann – und erstaunlich wenig von der konkreten queeren Erfahrung, die in diesem Stoff steckt.
Oscar Wilde ohne Glanz
Das ist besonders irritierend, weil Wilde eben nicht nur für “Leid” steht, sondern auch für Witz, Stil, Pose, Selbstinszenierung, soziale Masken, Brillanz und Überschuss. All das, was sein Schreiben und seine Figur so schillernd macht, scheint hier fast vollständig herausgefiltert. Übrig bleibt vor allem Ernst. Der Abend nimmt sich und seinen Stoff so feierlich, dass er irgendwann glatt wird.
Eine verpasste Chance
Gerade für ein heutiges Publikum hätte man sich mehr Mut gewünscht: mehr queere Perspektive, mehr Reibung, mehr Körper, mehr Ambivalenz. Mehr davon, dass es hier um eine schwule Liebesgeschichte geht, die nicht nur tragisch, sondern auch machtvoll, abhängig, verletzlich und gesellschaftlich aufgeladen ist. Stattdessen wirkt die Inszenierung seltsam entkernt – als hätte man den historischen Skandal, die emotionale Komplexität und die queere Sprengkraft eines Stoffes in ein ästhetisch sehr kontrolliertes Format gepresst.
So bleibt am Ende vor allem der Eindruck eines Abends, der seine eigene Bedeutung ständig behauptet, sie aber nur selten wirklich erfahrbar macht. Das Publikum bekam viel Sprache, viel Kummer und einen prominenten Schauspieler. Aber Theater lebt von mehr als Konzentration und Reduktion. Theater braucht Rhythmus, Risiko, Wandel, Bilder, die bleiben.
“De Profundis” in dieser Fassung ist deshalb kein schlechter Abend, weil er minimalistisch ist. Er ist enttäuschend, weil er aus einem hochspannenden, zutiefst queeren Stoff erstaunlich wenig Gegenwart herausholt. Viel Pathos, wenig Puls. Viel Text, wenig Szene. Und für einen Abend über Oscar Wilde vor allem: viel zu wenig Queerness.



