Eine Choreografin widmet ihrer verstorbenen Mutter einen Tanzabend, in dem Körper sich stützen, verkrampfen und trotzdem weiterbewegen. Acht junge Tänzer*innen werfen sich in einen pulsierenden Beat, bis aus Einzelnen eine gemeinsame Masse wird. “Delay the Sadness” und “In the Brain” beginnen an entgegengesetzten Polen – bei persönlicher Trauer und kollektiver Ekstase. Doch beide fragen, was der Körper mit Gefühlen tun kann, für die Worte nicht ausreichen: sie festhalten, aufschieben, abschütteln oder für einen Moment mit anderen teilen.
Beim Düsseldorf Festival waren im Theaterzelt auf dem Burgplatz innerhalb weniger Tage zwei außergewöhnliche Tanzproduktionen zu erleben. Beide arbeiten mit acht Tänzer*innen, elektronischer Musik und der Kraft einer Gruppe. Trotzdem fühlen sie sich vollkommen unterschiedlich an.
Trauer in Bewegung
“Delay the Sadness” von Sharon Eyal ist ihrer vor drei Jahren verstorbenen Mutter gewidmet. Das Stück erzählt diese Geschichte aber nicht direkt. Es zeigt keine konkreten Erinnerungen und folgt keiner klassischen Handlung. Stattdessen wird Trauer zu einem körperlichen Zustand. Die Tänzer*innen richten sich auf, verkrampfen, zittern oder lassen sich von anderen halten. Manchmal bewegen sie sich gemeinsam wie ein einziger Organismus, dann löst sich wieder eine Person aus der Gruppe.
Dabei entsteht ein ständiger Wechsel zwischen Stärke und Verletzlichkeit. Die Körper wirken extrem kontrolliert und zugleich so, als könnten sie jederzeit das Gleichgewicht verlieren. Gerade diese Spannung macht den Abend so intensiv. Hinzu kommt die elektronische Musik von Josef Laimon. Sie begleitet die Bewegungen nicht einfach, sondern zieht die Tänzer*innen und das Publikum immer tiefer in den Abend hinein. “Delay the Sadness” versucht nicht, Trauer zu überwinden. Das Stück zeigt vielmehr, dass ein Verlust im Körper bleiben kann – und dass andere Menschen ihn zwar nicht wegnehmen, aber für einen Moment mittragen können.
Zwischen Rave und Ritual
“In the Brain” von Hofesh Shechter wirkt zunächst wie die Gegenbewegung dazu. Acht Tänzer*innen zwischen 18 und 25 Jahren bewegen sich zu dröhnenden Beats und einer Energie, die an eine lange Clubnacht erinnert. Die Gruppe springt, stampft, fällt auseinander und findet wieder zusammen. Einzelne Tänzer*innen treten hervor, werden aber schnell wieder Teil des gemeinsamen Rhythmus. Dabei entsteht das Gefühl, dass der Beat die Körper übernimmt.
Das Stück kopiert nicht einfach eine Party. Es interessiert sich vielmehr für das, was beim gemeinsamen Tanzen passieren kann: Man verliert für einen Moment das Gefühl für Zeit, denkt weniger nach und wird Teil von etwas Größerem. Dass diese Freiheit nur durch enorme Präzision möglich ist, macht den Abend besonders beeindruckend. Jede Bewegung wirkt spontan, gleichzeitig müssen alle acht Tänzer*innen genau aufeinander reagieren. “In the Brain” ist körperlich, laut und mitreißend. Der Abend überträgt seine Energie direkt auf das Publikum. Man möchte beinahe selbst aufstehen und mittanzen.
Wenn die Gruppe trägt
So unterschiedlich die Produktionen sind, in beiden steht die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Bei “Delay the Sadness” gibt die Gruppe Halt. Sie fängt einzelne Körper auf und trägt etwas weiter, das eine Person allein kaum bewältigen kann. Bei “In the Brain” reißt die Gruppe die Einzelnen mit. Sie ermöglicht einen Zustand, in dem Kontrolle abgegeben und Energie geteilt werden kann.
In beiden Arbeiten verlieren die Tänzer*innen dabei nie völlig ihre Individualität. Sie bewegen sich gemeinsam, ohne einfach gleich zu werden. Gerade das macht die Produktionen so stark: Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden, sondern weil die Körper aufeinander reagieren.
Gefühle sind keine Einzelaufgabe
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen ihre Gefühle möglichst gut erklären, kontrollieren und selbst verarbeiten sollen. Trauer, Stress oder Einsamkeit erscheinen schnell wie persönliche Probleme, für die jede Person allein eine Lösung finden muss. “Delay the Sadness” und “In the Brain” zeigen eine andere Möglichkeit. Gefühle befinden sich zwar im eigenen Körper, sie können sich aber verändern, wenn Menschen sie miteinander teilen. Ein gemeinsamer Tanz macht einen Verlust nicht rückgängig. Auch die Euphorie einer Clubnacht hält nicht für immer. Aber für einen Moment kann sich etwas verschieben: Ein Körper muss nicht alles allein tragen, und ein einzelner Mensch kann Teil einer gemeinsamen Energie werden.
Beide Produktionen sind Tanzkunst auf höchstem Niveau. Vor allem aber zeigen sie, warum Menschen überhaupt gemeinsam tanzen: nicht nur, um sich zu bewegen, sondern um für eine Weile anders mit sich selbst und miteinander verbunden zu sein. Tanz löst Gefühle nicht auf. Aber er kann verändern, wie allein wir mit ihnen bleiben.




