Bei dieser WM war auch Rassismus ein zentrales Thema – und das nicht erst seit dem Gaucho-Tanz deutscher Nationalspieler. Die Fifa zeigte "Say no to Racism"-Banner und die brasilianische Regierung gesteht zaghaft ein, dass es Probleme im Land gibt. Einige Fußballfans haben das schon erkannt und arbeiten dagegen.


Ist die Fußball-WM ein buntes Fest, bei dem Nationen zusammenkommen? Oder ist sie ein Gegeneinander, bei dem sich jedes Land nur auf sich und seine Stärken besinnt? Diese Fragen warf der „Gaucho-Tanz“ einiger deutscher Nationalspieler auf. Bei der Titelfeier in Berlin liefen sie gebückt und sangen "So geh’n die Gauchos, die Gauchos, die geh’n so!". Dann sprangen sie auf, gingen aufrecht und sangen "So geh‘n die Deutschen, die Deutschen die geh’n so!"

Nachdem das deutsche Team als bodenständiger, weltoffener und toleranter Sieger gelobt wurde, hagelte es wegen dieser demütigenden Gesten Kritik. Es ist ein schmaler Grat zwischen Sich-selbst-Feiern und andere erniedrigen, zwischen Patriotismus und Nationalismus. Das zeigt auch die Internetseite www.fussball-gegen-nazis.de der Amadeu-Antonio-Stiftung. Sie sammelte in den vergangenen Wochen, was sich zwischen den feiernden WM-Fans tummelte: Hakenkreuze in Schwarz-Rot-Gold, "Deutschland über alles"-Gegröle, Hitlergrüße und "Sieg Heil"-Rufe.

Rassismus gehört dazu

Wer solche Szenen sammelt oder den "Gaucho-Tanz" kritisiert, wird schnell selbst angefeindet. Viele Internetkommentare fordern, nicht so kleinlich zu sein und die Deutschen den Titel feiern zu lassen. Trotzdem scheint klar zu sein, dass Rassismus und Diskriminierung Themen sind, die zur WM dazugehören. Und das von offizieller Stelle und ganz oben. Vor jedem Spiel ließ die Fifa die Mannschaften mit einem Banner posieren: "Say not o Racism" stand darauf. Alle Fans sollten immer wieder daran erinnert werden, dass im Fußball kein Platz für Ausgrenzung ist.

Offenbar muss darauf groß aufmerksam gemacht werden. Und das weltweit. Das zeigt auch ein Report des europäischen Netzwerks "Football against Racism in Europe" (Fare). Das stellte während der WM diskriminierende Vorfälle in Brasilien zusammen: Mexikaner sangen schwulen- und lesbenfeindliche Lieder. Ein England-Fan wurde von einem Landsmann rassistisch beleidigt. Russen hissten an der Christus-Staute in Rio eine Fahne mit rechtsextremen Symbolen. "Es ist eine Schande, dass sich die Fifa anscheinend entschieden hat, wegzuschauen", sagte Piara Powar, Vorsitzender von Fare. Anders als die Uefa arbeitete die Fifa nicht mit Fare-Botschaftern zusammen. Powar sagt, er hoffe, dass sich die Fifa zukünftig mehr mit diesen Themen beschäftigt.

Umdenken in Brasilien

Auch im WM-Gastgeberland setzt langsam ein Umdenken ein. Lange wies selbst die Regierung das Problem von sich. "Rassismus wird offiziell geleugnet", erklärt Martin Winands, Konflikt- und Gewaltforscher der Uni Bielefeld. "Dabei ist ein großer Teil der Bevölkerung farbig und hat ein Anerkennungsproblem."

Im Gesundheitssystem seien Schwarze benachteiligt, beim Gehalt und der Bildung, sagt Ina Peters, Politikwissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg. "Es gibt Sozialprogramme speziell für Schwarze", erklärt sie. "In Brasilien sagt man: Armut hat eine Farbe." Das komme nicht von ungefähr.

Zaghaft wird das Problem eingestanden, auch im Fußball. Vor der WM setzte der brasilianische Fußballverband CBF ein Zeichen. Die Schiedsrichter liefen beim Pokalwettbewerb "Copa do Brasil" im Frühjahr erstmalig mit Antirassismus-Aufnähern auf ihren Trikots auf. "Wir sind alle gleich" stand darauf. Grund für die Aktion: mehrere schwere Fälle von diskriminierenden Beleidigungen in Fußballstadien.

"Bei uns gibt es keinen Rassismus"

Der Verband brauchte einen aktuellen Anlass, um zu handeln. Einige Fußballfans machen das schon länger, wenn auch ähnlich zaghaft. "Bei uns gibt es keinen Rassismus", sagt Fábio Albuquerque Massá. Das weist der Vorsitzende der Torcida "Jovem Flamengo" von sich. Torcidas, so heißen die organisierten Fangruppen in Brasilien, die zehntausende Mitglieder haben, Stimmung im Stadion machen und auch zwischen den Spieltagen Aktionen für ihren Verein planen. Dass es viele Schwarze bei der Torcida von Flamengo gebe, zeige, dass es keine Diskriminierung gibt, sagt Massá. Außerdem gebe es auch viele Frauen. "Wir haben sogar eine eigene Frauengruppe, die ‘Pelotas Feminino’", sagt er. Eine Präsidentin hätte die Torcida aber noch nicht gehabt. "Die meisten Mitglieder sind Männer", erklärt er und begründet: "Ich glaube, die wählen eher Männer."

Anders bei der Torcida "Leões da TUF" vom Fortaleza EC. "In den 90er Jahren war eine Frau Präsidentin", erinnert sich Francisco Dione de Lima aus dem Vorstand. Vor aktuellen Problemen verschließt er aber nicht die Augen. Die gibt es zum Beispiel, wenn der EC gegen den Rivalen Ceará Sporting Club spielt und "Leões da TUF" auf die Torcida "Cearamor" trifft. "Dann rufen unsere Fans immer ‘Ceara-gay’", gesteht Dione de Lima. Tatsächlich ist der frühere Direktor von "Cearamor" schwul.

"Unsere Torcida ist ein demokratischer Ort", sagt "Cearamor"-Vorsitzender Regis Alves Pires. Seine Gruppe habe Sozialprojekte, schenke Suppe an Obdachlose aus, verteile Mittagessen an Kinder, spende Blut und arbeite gegen Drogen. Ein spezielles Antirassismus-Projekt gebe es aber nicht. Dafür eine Fahne, die bei jedem Spiel hängt. "Die Farben unseres Vereins sind Schwarz und Weiß", erklärt Pires. "Das steht auch dafür, dass alle Hautfarben bei uns gleich viel wert sind."

Politisch wollen sich die Torcidas aber nicht nennen. Das bedeute für viele Fans gleichzeitg, für bestimmte politische Parteien zu sein. Trotzdem kann ein Umdenken bei Rassismus und Diskriminierung gerade im Fußball gut funktionieren. "Fußball kann verbinden und ist identitätsstiftend", sagt Politikwissenschaftlerin Peters. Diese Funktion des Fußballs sei in Brasilien lange nicht als nötig gesehen worden. Die Menschen sahen sich als Einheit. Und gerade bei großen Veranstaltungen wie Fußballspielen oder Karneval habe die Regierung auf eine "friedliche Rassenmischung" gesetzt, um die kulturelle Vielfalt des Landes zu zeigen, erklärt Peters. "Das Gemeinsame wird betont, Rassismus an die Seite geschoben."

Fußball für Frieden

Jetzt soll der Fußball mehr dafür genutzt werden, Diskriminierung in der Gesellschaft zu bekämpfen. Vor der WM hat der Staat Rio ein neues Projekt gegründet. Gemeinsam mit dem Netzwerk Fare baute Rio eine Friedensbotschaft mit Fan-Botschaftern auf. Zuständig dafür ist Bernard Batista de Brito. "Die Leute glauben, Brasilien kenne keinen Rassismus", sagt er. "Dabei haben wir eine Geschichte mit 300 Jahren Sklaverei. Probleme gibt es auch lange danach, beispielsweise mit der Inklusion von Schwarzen."

Das sei ein Problem in der ganzen Gesellschaft. Aber vor allem im Fußball sei Platz für Rivalität. Das könne gefährlich werden. Doch Batista de Brito sieht in den Fans auch eine große Chance: "Die Kraft und Bewegung, die sie mitbringen sind wichtig für ein Umdenken." Das geschieht aber nicht mal eben während einer Weltmeisterschaft.

Deswegen ist die Arbeit der Friedensbotschaft mit der WM auch nicht beendet. "Wir machen Kampagnen, Fahnen, T-Shirts und einen Film über Menschenrechte", sagt Batista de Brito. Und er sucht ständig das Gespräch mit den Torcidas. "Ich spreche im Stadion mit ihnen und in ihren Vereinshäusern. Außerdem organisiere ich Veranstaltungen zu Sport und Menschenrechten mit ihnen, Fare und anderen Organisationen." Für Batista de Brito ist klar, dass sich etwas ändern muss und kann. Im Land, auf der Welt und auch im Fußball. Dafür müsse man aber mit den Menschen sprechen und ganz eng mit den Fans zusammenarbeiten, denn auch sie wollten Veränderung.

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Veröffentlicht am 17. Juli 2014
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