Es gibt Zeiten, da wirkt Toleranz wie etwas Selbstverständliches. Wie eine Errungenschaft, die man einmal erreicht hat und dann für immer behalten kann. Und dann gibt es Zeiten, in denen man merkt: Emanzipation ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Einer, der jederzeit wieder ins Rutschen kommen kann. Während queerfeindliche Reflexe lauter werden, Drag zur Projektionsfläche politischer Debatten wird und die Idee von Vielfalt plötzlich wieder “erklärungsbedürftig” erscheint, trifft ein Musical wie “Kinky Boots” nicht nur auf ein Publikum, sondern vor allem auf unsere Gegenwart.
Und ausgerechnet die Bühne, auf der das passiert, ist Oberhausen: Ruhrgebiet, Arbeitergeschichte, Zechen-Erbe, Stolz auf Hands-on-Kultur. Ausgerechnet hier erzählt “Kinky Boots” eine Geschichte, die auf den ersten Blick nach Glitzer, Pop und Feelgood aussieht – und sich dann als ziemlich präziser Kommentar darüber entpuppt, wie Gesellschaften mit “Anderssein” umgehen. Und wie schwer es sein kann, sich selbst zu erlauben, wirklich frei zu sein.
Zwei Jungs, zwei Väter, zwei Käfige
Die Konstruktion ist fast märchenhaft simpel und genau deshalb so wirksam: Charlie Price erbt die Herrenschuhfabrik seines Vaters irgendwo in den englischen Midlands. Ein Traditionsbetrieb mit bröckelnden Zahlen und einer Belegschaft, die sich an “So war es immer” klammert, weil das Nicht-Wissen über die Zukunft noch beängstigender ist als die Krise selbst. Charlie wiederum möchte eigentlich raus aus der Provinz, nach London, ein anderes Leben, eine andere Identität. Dann stirbt der Vater, und plötzlich klebt Verantwortung an ihm wie Lederstaub an den Händen.
Parallel dazu entdeckt ein anderer Junge als Kind rote High Heels. Eine frühe Faszination, die schnell in Ablehnung kippt. Aus diesem Jungen wird später Lola, eine Dragqueen, die sich ihre Identität selbst bauen musste, weil sie ihr niemand zugestand. Wer “Kinky Boots” auf “Fabrik trifft Drag” reduziert, verpasst allerdings den eigentlichen Kern: Es geht um die schmerzhafte Bindung an Vaterbilder, um das Erbe von Erwartungen – und darum, was passiert, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Kostümen eigentlich am gleichen Punkt stehen: “Ich bin nicht das, was ihr aus mir machen wollt.”
Oberhausen als Resonanzraum: Arbeiterklasse trifft Drag
Dass diese Tourproduktion im Metronom Theater Oberhausen landet, fühlt sich weniger wie ein Tour-Stop an und mehr wie eine Pointe mit Kontext. Denn das Musical versöhnt – auf eine überraschend warme, aber nicht komplett naive Weise – zwei Welten, die kulturell gern gegeneinander ausgespielt werden: Arbeiterschicht und Dragkultur. Wo sonst schnell das Klischee regiert (“hier die harten Malocher, dort die schrillen Dragqueens”), baut “Kinky Boots” eine Brücke: Beide kämpfen um Anerkennung. Beide wissen, wie es ist, ausgelacht zu werden. Und beide haben auf ihre Weise etwas Handfestes, Überlebenspraktisches: Hier wird gearbeitet, geschwitzt, produziert. Dort wird gearbeitet, geschwitzt, performt. Die einen stellen Schuhe her, die anderen stellen eine Version von sich selbst her, die ihnen Würde gibt.
Diese Gleichzeitigkeit macht das Stück so anschlussfähig – gerade im Ruhrgebiet, wo “Arbeit” nicht nur Job ist, sondern Identität. Und wo sich die Frage, was mit einem Ort passiert, wenn alte Industrien sterben, in den Körper eingeschrieben hat. “Kinky Boots” behauptet: Transformation ist möglich. Aber sie ist schmerzhaft. Und sie kostet alle Beteiligten etwas.
Diese versöhnliche Erzählung von Arbeiterklasse und Drag ist dabei keine reine Fantasie. In Großbritannien gab es in den 1980er Jahren tatsächlich einen historischen Moment, in dem sich beide Gruppen real politisch verbündeten: Während des großen Bergarbeiterstreiks 1984/85 unterstützte die queere Initiative “Lesbians and Gays Support the Miners” streikende Minenarbeiter finanziell und organisatorisch. Aus anfänglicher Skepsis auf beiden Seiten entstand echte Solidarität – bis hin zu dem ikonischen Moment, als walisische Bergarbeiter bei der London Pride-Demo an der Spitze mitliefen. “Kinky Boots” erzählt diese Allianz nicht dokumentarisch, sondern popmusikalisch: als Fantasie einer Gesellschaft, in der Klassenkampf und queere Emanzipation sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig stärken.
Pop als Motor: rasant, laut, ansteckend
Cyndi Laupers Musik ist dabei nicht nur Soundtrack, sondern Antrieb. Sie schreibt Songs, die antreiben und sofort im Körper landen. Die großen Nummern haben diese typische Musical-Mechanik: Du wirst mitgezogen, selbst wenn du dich innerlich kurz wehren willst. Die Energie ist ansteckend, die Ensemble-Choreografien wirken furios, präzise, aufgeladen. Eine Art kollektiver Adrenalinrausch, in dem die Fabrikhalle plötzlich zur Showbühne wird und umgekehrt.
Gerade die Gruppenszenen erzählen sehr klar, wie schnell ein “Wir” kippen kann: Von Gemeinschaft zu Ausgrenzung ist es manchmal nur ein Satz, ein Blick, ein Lachen. Und dann wieder zurück: ein einziger Moment von Courage, und plötzlich verschiebt sich die Stimmung. “Kinky Boots” ist darin sehr Gen-Z-kompatibel, weil es die Mechanik sozialer Räume kennt: die Dynamik von Gruppe, Loyalität, Angst, Coolness, Scham – diese Mikropolitik, die jede Schulklasse, jede Clique, jede Kommentarspalte prägt.
Wenn Glitzer plötzlich weh tut
Das Musical kommt leichtfüßig daher und genau das ist sein Trick. Denn in den leisen Momenten kippt etwas. Dann wird aus dem Feelgood-Musical plötzlich etwas, das ans Herz geht. Das ist besonders stark, wenn Lola nicht nur als schillernde Figur funktioniert, sondern als Mensch sichtbar wird: der verletzliche Simon hinter der Drag-Persona. Und wenn Charlie merkt, dass sein Problem nicht nur die Fabrik ist, sondern die Frage, wer er sein darf, wenn er nicht mehr im Schatten seines Vaters steht.
Auch der Konflikt mit Don, dem Vorarbeiter, ist hier mehr als das erwartbare “Macho lernt Toleranz”-Programm. Natürlich ist das Stück grundsätzlich ein Mainstream-Musical, das an einigen Stellen eher versöhnt als radikal zuspitzt. Aber es hat eine kluge Beobachtung: Veränderung passiert selten, weil jemand plötzlich “erleuchtet” ist. Sie passiert, wenn jemand in eine Beziehung gerät, die ihn zwingt, seine eigene Härte zu überprüfen und wenn er dabei sein Gesicht nicht verlieren muss. Das ist politisch nicht perfekt, aber menschlich nachvollziehbar. Und genau deshalb wirksam.
Englischsprachig – und trotzdem nah dran
Die Originalsprache ist ein Pluspunkt: Timing, Punchlines, Musikalität der Dialoge. Das sitzt anders als in vielen deutschen Übersetzungen, die Musicals oft glattziehen oder ins Peinliche kippen lassen. Gleichzeitig ist Englisch natürlich eine Schwelle: Wer wenig versteht, ist stärker auf Übertitel angewiesen, und dabei geht gelegentlich Tonfall verloren. Ironie übersetzt sich schlechter als Handlung. Aber die Produktion trägt viel über Körper, Musik und Blickachsen. Man versteht auch ohne jedes Wort, wann eine Szene kippt und warum.
Ein Musical, das nicht “nur” nett ist
“Kinky Boots” ist nicht nur Glitzer. Und nicht nur gute Laune. Es ist ein Stück, das Humor und Pathos passgenau mischt. Es ist ein Musical über Schuhe, ja. Aber eigentlich über die Frage, wie stabil ein Mensch sein muss, um auf hohen Absätzen durch eine Welt zu gehen, die ihn eigentlich lieber kleinhalten würde.
Vielleicht ist genau das die Pointe dieses Abends: Wenn Vielfalt wieder zur Mutprobe wird, brauchen wir Kultur, die nicht belehrt, sondern bewegt. “Kinky Boots” schafft das, indem es Pop, Arbeiterrealität und Drag nicht gegeneinander ausspielt, sondern zusammendenkt. “Raise you up” ist hier kein Spruch, sondern eine Haltung.
Noch bis 1. Februar im Metronom Theater Oberhausen. Tickets und Spieltermine findet ihr hier.





