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Wenn Schule Stress und Schmerz bedeutet

28.03.2012

Ganztag, Lernstress, doppelter Abiturjahrgang, Mobbing und Druck. Viele Schüler haben Schulstress. Einige leiden regelrecht darunter, haben Bauschmerzen und Zusammenbrüche. Dann sind Schulpsychologen gefragt. Wenn Joschi zur Schule geht, hat er Bauchschmerzen. Jeden Morgen. Der 14-Jährige weiß, was ihn erwartet: Beleidigungen, Prügel, Fächer, in denen er nicht mitkommt. Wenn Louisa auf dem Weg zur Schule ist, hat sie in der Nacht zuvor gerade mal zwei bis drei Stunden geschlafen. Mehr schafft sie nicht. Mit dem Lernen und Hausaufgabenmachen fängt die 18-Jährige erst um 23 Uhr an. Nachmittags warten noch ihr Job und ihre ehrenamtliche Arbeit auf sie. Joschi und Louisa sind nur zwei Düsseldorfer Jugendliche. Sie stehen aber für ein Problem, das viele Schüler in der Stadt kennen: Schulstress. Schulstress kann vieles sein Was das bedeutet, weiß die Schulpsychologin Cornelia Kösters. Sie arbeitet bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt. "Leistungsschwierigkeiten können Schulstress auslösen, der Druck, mit Gleichaltrigen auszukommen, Probleme in der Familie, viele Termine in der Freizeit", listet Kösters auf. Bei vielen Schülern, die in die Beratungsstelle kommen, gehen die Probleme ineinander über. So auch bei Joschi. Er geht zur Hauptschule. Von Mitschülern wird er gemobbt. Gleichzeitig hat er im Unterricht in Deutsch und Sport Probleme. Obwohl er in den anderen Fächern gut mitkommt, seine Hausaufgaben sogar in den letzten zehn Minuten einer Schulstunde erledigt, ist sein Notendurchschnitt auf 3,0 abgerutscht. Je mehr sich der Achtklässler der zehnten Stufe näher, desto größer wird die Angst. "Ich will unbedingt in die 10 b kommen", sagt Joschi. "Das hieße, ich mache meinen Realschulabschluss." Um den Stress abzubauen, setzt sich der Schüler zuhause direkt an den Computer oder trifft sich mit Freunden und lässt an ihnen manchmal seine schlechte Laune aus. "Bald werde ich die Schule wechseln", sagt er hoffnungsvoll. "Noch vor der zehnten Klasse." Keine Ruhe zum Lernen Auch Louisa setzt sich unter Druck. Sie ist in der 13. Klasse eines Gymnasiums und bereitet sich aufs Abitur vor. "Ich muss mindestens einen NC von 2,6 haben", sagt sie. "Ich will Soziale Arbeit studieren." Lernprobleme hat sie nicht, aber die Struktur der Schule hindere sie an guten Noten. "Klausuren kommen immer gebündelt und auf einmal", erzählt sie. "Ich habe schon mal drei Referate halten und eine Woche später zwei Arbeiten und einen Physiktest schreiben müssen." Sie lerne nur, um nach der Prüfung alles wieder zu vergessen. Sich in Ruhe auf das Abitur vorzubereiten, gehe selbst in der 13 nicht. In Louisas Englisch-Leistungskurs gab es in diesem Jahr vier Lehrerwechsel, in Physik und Philosophie jeweils einen. Schulpsychologin Kösters weiß, dass sich die Herausforderungen der Schüler in den vergangenen Jahren gewandelt haben. Vor allem gute Abschlüsse seien ein viel größeres Thema geworden. "Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist groß", erklärt Kösters. "Schüler haben das Gefühl, viel mehr leisten zu müssen." Außerdem leide die Freizeit der Jugendlichen unter Nachmittagsunterricht und der verkürzten Schulzeit. Anscheinend können immer mehr Schüler nur schwer mit den gestiegenen Anforderungen umgehen. Nachdem es im Jahr 2009 bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle 1033 Neuanmeldungen gab, sprang die Zahl ein Jahr später auf 1225. Zwar sank die Zahl der neu beratenen Schüler 2011 auf 1139, insgesamt suchten in dem Jahr aber 1323 Schüler Hilfe – in 40 Prozent der Fälle im Lern- und Leistungsbereich. Zahlreiche Erkrankungen Marie Dams bekommt die Auswirkungen direkt mit. Die 17-Jährige war drei Jahre lang Mitglied in der BezirksschülerInnenvertretung Düsseldorf (BSV), setzte sich für die Interessen der Schüler ein und vernetzte die Schülervertretungen (SV) der einzelnen Schulen – bis sie dieses Jahr wegen des Schulstresses ihre ehrenamtliche Arbeit für die BSV aufgeben musste. An ihrem Gymnasium hat die Zwölftklässlerin die Probleme beobachtet. "Allein in meiner Stufe und in der unter mir gab es in den vergangenen beiden Jahren Fälle von Essstörungen, Depressionen, Migräne, Herzrasen, Schwindel, Bauchschmerzen, Übelkeit", zählt Marie auf. "Mehrere Schüler sind bei Klausuren zusammengebrochen, einige haben die Schule abgebrochen." Die Schülerin führt die vielen Erkrankungen auf den doppelten Abiturjahrgang und die zentralen Prüfungen zurück. Die BSV sah dieses Problem bereits vor drei Jahren kommen, allerdings nicht, wie groß es ist. "Wir sind total überrascht und schockiert, dass es so schnell so starke Auswirkungen gibt", sagt Marie. Innerhalb der vergangen zwei Jahre habe sich so viel verändert, dass selbst ein BSV-Mitglied, das 2010 Abitur gemacht hat, die aktuellen Probleme nicht mehr nachvollziehen könne. Marie hat mitbekommen, dass die Anmeldezahlen bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle genau vor zwei Jahren leicht gestiegen sind. Sie glaubt aber, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt. "Den Schülern ist es peinlich, über den Stress zu reden", erklärt sie. "Sie müssen aber reden, um Hilfe zu bekommen." Marie appelliert: "Und sie müssen zum Arzt gehen, damit auch Statistiken die Probleme festhalten können." Schulpsychologen suchen Auswege Es dauert oft lange, bis ein Schüler mit Problemen den Weg in die Beratungsstelle findet. Das ist auch Schulpsychologin Kösters aufgefallen. "Dann haben sich schon viele Dinge verkettet, die ersten Fünfen stehen auf dem Zeugnis und Hilfe wird schwieriger", sagt sie. Wer nicht mehr gerne zur Schule geht, sich immer schlechter konzentrieren kann, überfordert ist oder sogar Bauschmerzen hat, solle sich besser direkt melden. Im Gespräch nur mit dem Jugendlichen oder mit den Eltern zusammen analysiert Kösters den Stress, erarbeitet beispielsweise einen Lern- und Freizeitplan und hält so lange und so häufig Rücksprache, wie es sinnvoll ist. "Wegtrainieren können wir den Stress natürlich nicht", sagt Kösters. "Leistungsdruck gehört zu unserer Gesellschaft. Wir helfen Jugendlichen, damit umzugehen." Die Psychologin gibt den Schülern Hoffnung: In den Strukturen, die sie mit ihnen erarbeitet, bleibt genügend Zeit für Hobbys. Und wenn der straffe, geradlinige Weg durch die Schule zum Abschluss und in den Job mal nicht klappt, zeigt sie Alternativen. "Auch über Umwege kann man ans Ziel kommen", versichert sie. Die Schulpsychologische Beratungsstelle gibt fünf Tipps bei Schulstress. Die Hilfe bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle ist kostenfrei und kann anonym sein. Eine erste Beratung ist auch über ein Formular auf der Internetseite möglich.

von jt

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