Warum dieses Buch Kunstgeschichte anders liest

Queere Künstler*innen haben die Moderne entscheidend geprägt. Sie wurden aber lange aus der offiziellen Kunstgeschichte ausgeblendet. Die neue Publikation Queere Moderne – Queer Modernism 1900–1950, erschienen begleitend zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, macht genau das sichtbar: queere Perspektiven als treibende Kraft der Kunst zwischen 1900 und 1950.

Das Buch ist mehr als ein Ausstellungskatalog. Es ist eine Einladung, Kunst neu zu lesen – jenseits von Geschlechterbinarität, klassischen Rollenbildern und heteronormativen Blicken.

Queer nicht als Randnotiz, sondern als Perspektive

Was dieses Buch besonders macht: Begehren, Erotik und das Spiel mit Geschlecht werden nicht als „Privatsache“ der Künstler*innen behandelt, sondern als Grundlage ihrer Bildsprache. Queer ist hier kein Zusatz, sondern ein ästhetischer und politischer Zugang.

Der Band versammelt Werke von 34 internationalen Künstler*innen aus Europa sowie Nord- und Lateinamerika, darunter bekannte Namen wie Claude Cahun, Hannah Höch, Romaine Brooks oder Jean Cocteau, aber auch viele Positionen, die in Schulbüchern oder klassischen Museumserzählungen kaum vorkommen.

Kunst, Identität und Widerstand

Inhaltlich ist die Publikation in mehrere thematische Kapitel gegliedert, die von einem Prolog und Epilog gerahmt werden. Behandelt werden unter anderem:

  • queere Avantgarden und transnationale Netzwerke

  • Utopien jenseits der Geschlechterbinarität

  • queere Lesarten von Abstraktion

  • antifaschistischer Widerstand und Selbstbehauptung

Dabei wird deutlich: Viele queere Künstler*innen entwickelten neue ästhetische Strategien nicht trotz, sondern wegen gesellschaftlicher Ausgrenzung, Verfolgung und politischer Gewalt. Kunst wird hier als Raum sichtbar, in dem Identität verhandelt, geschützt und neu erfunden werden konnte.

Drei Jahre Arbeit – und das sieht man

Dass dieses Buch so dicht und vielschichtig ist, kommt nicht von ungefähr. Rund drei Jahre hat das kuratorische Team an Ausstellung und Publikation gearbeitet. Das Ergebnis ist ein hochwertiger Band mit über 300 Seiten, hunderten Abbildungen und begleitenden Essays, die komplexe Zusammenhänge verständlich einordnen.

Auch gestalterisch überzeugt das Buch: Ein Pfirsichton auf dem Cover trifft auf kühle Blaunuancen im Inneren, die sich durch den Band ziehen und ihm eine klare visuelle Identität geben. Es ist ein Buch, das man nicht nur liest, sondern gerne in die Hand nimmt.

Warum das für junge Menschen heute relevant ist

Auch wenn sich die gezeigten Werke auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehen, wirkt das Buch erstaunlich aktuell. Fragen nach Geschlecht, Selbstinszenierung, Sichtbarkeit und politischer Haltung sind heute wieder hochrelevant – gerade für junge queere Menschen.

Die Publikation zeigt: Queere Lebensrealitäten waren nie „neu“ oder „Randerscheinung“. Sie waren immer Teil kultureller Innovation, auch wenn sie lange unsichtbar gemacht wurden.

Ausstellung im K20

Wer tiefer eintauchen will, kann die Ausstellung Queere Moderne. 1900 bis 1950 noch bis 15. Februar 2026 im K20 besuchen. Mit über 130 Werken bietet sie den räumlichen Kontext zur Publikation – beide funktionieren aber auch unabhängig voneinander.

Ein youNEWS-Beitrag von

Veröffentlicht am 8. Januar 2026
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